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So 02.08.20 10:36

Was passiert nach dem Kratzer-Abgang?

Bevor ich mich in den zweiwöchigen Urlaub verabschiede und ich nur noch sporadisch in den Blog schauen werde, will ich nochmal ausführlicher auf den Abgang von Leon Kratzer eingehen. Der Center war ein wichtiger Baustein in den Kaderplanungen der Skyliners und die Enttäuschung, dass er jetzt nach Bonn geht, ist schon recht groß. Zumal der 2,11-Meter-Mann den Klub ja nicht zu einem größeren Verein verlässt, sondern zu einem Team, das sich komplett im Umbruch befindet und in den vergangenen Jahren auch nicht viel besser war als die Skyliners.

Letztlich gibt es nur einen Grund für seinen Abgang: Das liebe Geld. Ich halte den Move von Kratzer für falsch, weil er sich meiner Meinung nach in Bonn nicht unbedingt besser entwickeln kann als in Frankfurt. Bei den Skyliners war das System mit auf den Big Man ausgerichtet. Er hatte sehr viele Ballkontakte und hat genügend Spielzeit bekommen. Wenn er noch ein oder sogar zwei Jahre vielleicht auf etwas Geld verzichtet hätte, hätte er dann mit Sicherheit irgendwo einen größeren Vertrag bekommen wenn er sich entsprechend weiterentwickelt. Zumal er gerade erst angefangen hat, ein richtiger BBL-Spieler zu werden und zwischenzeitlich immer mal wieder verletzt war. Bonn hat einen neuen Trainer und noch keinen wirklichen Stamm an Spielern.

Sie haben Leon Kratzer zu ihrem „Königstransfer“ auf der deutschen Position gemacht und lassen sich das einiges kosten. Ich glaube den Skyliners-Veranwortlichen wenn sie sagen, dass sie an ihre Schmerzgrenze gegangen sind. Die Bonner dürften wahrscheinlich das Doppelte geboten haben, damit Kratzer bei ihnen anheuert. Es ist auf der einen Seite verständlich, irgendwann finanziell aufsteigen zu wollen, aber der 2,11-Meter-Mann hätte auch in ein oder zwei Jahren einen Martkwert gehabt. Danilo Barthel zum Beispiel verdient jetzt 1,7 Millionen Euro in zwei Jahren bei Fenerbahce Istanbul.  Dass Kratzer nicht zu einem Top-Team geht zeigt ja auch, dass er noch nicht reif genug für den Schritt ist, weil ihm noch einiges fehlt. Ob er sich nun dort weiterentwickelt, werden wir alle mit Spannung beobachten.

Der Abgang von Akeem Vargas hingegen war zu erwarten, da er nicht gerade billig gewesen sein dürfte und die Skyliners ihre jungen Spieler entwickeln wollen. Wie ich in den Kommentaren zuvor gelesen habe, stimmt es natürlich, dass der Marktwert von Konstantin Konga gesunken ist. Aber wenn er sich dazu bereit erklärt, den jungen Spielern zu helfen, könnte das den Skyliners auf lange Sicht einen größerten Mehrwert geben wenn sich Schoormann, Vrcic und Begue entsprechend entwickeln. Vielleicht hilft es auch Richie Freudenberg ein bisschen. Wir werden es sehen. Dass Konga billiger als Vargas ist, hilft es auch, um auf den ausländischen Positionen etwas mehr Spielraum zu haben und dort etwas mehr Qualität zu bekommen. Denn: das sind die Spieler, die die Spiele am Ende gewinnen müssen.

Der Kratzer-Abgang bedeutet natürlich ein völliges umplanen, was die Kaderplanungen angeht. Es gibt nicht viele Deutsche auf der Position 5 und um die bemühen sich wahrscheinlich alle Teams der Bundesliga. Ich hätte mir Gavin Schilling ganz gut vorstellen können, aber nach seinem Abgang in Ulm war er sicher schon früher in Verhandlungen mit den Braunschweigern. Und als Kratzer den Skyliners abgesagt hat, war es schon zu spät, um Kontakt mit Schilling aufzunehmen –  wenn man ihn gewollt hätte.

Um nochmal auf das große Ganze zu kommen: Seit ich über die Skyliners berichte, der Saison 2011/2012, hat es der Klub nur drei Mal in die Playoffs geschafft (2015, 2016 und 2018). Die Zeiten, wo die Hessen es regelmäßig in die Playoffs schaffen, sind einfach vorbei. Das ist die bittere Realität für diejeningen, die seit Anfang an dabei sind und die Skyliners immer in den Playoffs gesehen haben. Auch wenn viele das Thema leid sind, ist eine neue Halle dabei ein zentrales Thema. Während die Skyliners seit 1999 in der Ballsporthalle spielen, haben Ulm, Bamberg, Oldenburg, Bonn, Ludwigsburg, Braunschweig, Berlin neue Spielstätten bekommen. (Sorry, falls ich einen Standort vergessen haben). Die Bayern klammere ich hier mal aus, da sie später in die Liga gekommen sind.

Ein weiteres Thema, was völlig zu recht von euch angesprochen wurde, ist das Thema Scouting. Da haben die Skyliners zuletzt einen schlechten Job gemacht. Nach den guten Jahren, siehe oben, hat zunächst Gordon Herbert mit seinen Transfers (Vaughn, Heslip, Murphy, Clark, falsche Position) mächtig daneben gelegen. Sebastian Gleim hat im Interview kürzlich sehr gut beschrieben, wie zeitintensiv es für ihn war, vor seiner ersten Saison ein Netzwerk aufzubauen. In der Kürze der Zeit dann ein schlagkräftiges Team aufzubauen, ist nicht einfach und deshalb bin ich umso gespannter, welche Spieler er für die kommende Saison noch holen wird. Teams wie Vechta und Crailsheim werden zurecht immer wieder aufgezählt, wenn es um gutes Scoting geht. Bei Crailsheim war es jetzt aber eine einzige gute Saison, nachdem sie vor einem Jahr fast abgestiegen wären. Vechta kann im Gegensatz zu den Skyliners alles in die Profimannschaft stecken, weil es keinen Unterbau gibt. Was ich auch immer wieder schreibe ist, dass das Fehlen eines Sportdirektors meiner Meinung nach fatal ist. Das Scouting auf nur so wenige Schultern zu verteilen, während andere Klubs mehrere Leute haben, die dafür zuständig sind, macht einem das Leben unnötig schwer. Auch das man immer nur fünf Ausländer holt, sich Spieler dann verletzen und die Last für die vorhandenen Spieler noch größer wird und die sich dann ebenfalls verletzen, sollte in Zukunft ebenfalls vermieden werden. Da Gunnar Wöbke sich mehr um die Gesamtstrategie kümmern muss und in Zeiten von Corona zig andere Baustellen hat (Ligatagungen, Sponsoren bei der Stange halten, Gesprächte mit der Stadt), kann er sich gar nicht um Spieler wirklich kümmern.

Da sind wir auch schon beim Thema Gesamtstrategie. Wöbke will die Skyliners zu einem europäischen Top-Team aufbauen. Dafür haben die Skyliners im Klub selbst die Strukturen geschaffen mit dem ganzen Unterbau. Was fehlt ist die Halle, die weiter auf sich warten lässt. Und es fehlt auch weiterhin die ganz große Basketballbegeisterung in der Stadt und der Region. Die anzufachen wäre das ganz große Thema wenn eine neue Halle gebaut werden sollte. So muss man festhalten, dass der harte Kern der Skyliners-Fans seit Jahr und Tag der gleiche ist und mal einige abspringen und ein paar neue dazu kommen. Es braucht Innovationen, um neue Fans zu gewinnen, die sich auch wirklich mit dem Klub identifizieren können. Selbst mit einer neuen Halle müssten sich die Skyliners mächtig Strecken, um zunächst einmal auf das Niveau von Alba Berlin zu kommen. Über europäische Top-Teams wie ZSKA, Real Madrid, Fenerbahce, brauchen wir erst gar nicht reden. Das ist – selbst mit der schönsten rosa-roten Brille – einfach nur utopisch.

Die Skyliners haben sich zuletzt als Ausbildungsstandort definiert. Joe Voigtmann, Danilo Barthel, Isaac Bonga, aber auch ausländische Spieler wie Shavon Shields, Phil Scrubb oder Jordan Theodore haben in Frankfurt ihren Marktwert um ein vielfaches gesteigert. Solche Spieler gilt es, wieder zu finden. Sie langfristig nach einem guten Jahr zu halten, ist zwar eine schöne Vorstellung, aber ist einfach nicht machbar. Ein Theodore dürfte nach seinen Stationen in der Türkei in Mailand mindestens das zehnfache, eher mehr, verdient haben, als zur Zeit in Frankfurt. Rasheed Moore hat eine große Chance jetzt in Frankfurt seinen Marktwert zu steigern, sollte er eine Top-Saison spielen, wird auch er danach nicht zu halten sein.

Das entscheidende Kapital für die Skyliners sind ihre deutschen Talente. Zum einen, die aus dem eigenen Programm, zum anderen auch die, die ins Programm geholt werden. Vrcic zum Beispiel kam ja vergangenen Saison aus München. Diese Spieler gilt es zu entwickeln. Das dauert seime Zeit. Sie hatten wahnsinniges Pech, dass Niklas Kiel sich so schwer verletzt hat – sonst wäre auch die vergangene Saison vielleicht etwas anders gelaufen. Übrigens wurde Kiel genauso wie Isaac Bonga von Gleim nach Frankfurt geholt. Aber auch hier haben andere Standorte nachgeholt. Braunschweig setzt mehr auf deutsche Spieler, der Orange Campus in Ulm wird sicher auch einige gute Spieler hervorbringen. Alba und Bayern sowieso. Vielleicht schaffen die Skylines es ja trotzdem wieder ein paar Toptalente nach Frankfurt zu holen, wobei das in Zeiten von Corona auch schwierig ist. Wenn sich Schoormann, Vrcic und Begue gut entwickeln, vielleicht noch das ein oder andere Talent das keine Spielzeit bekommt, wie einst Kratzer, geholt werden kann, können die Skyliners in den nächsten zwei oder drei Jahren die Playoffs wieder angreifen. Kommende Saison wird es darum gehen, sich zu stabilisieren und den nächsten Schritt zu machen. Und es ist ja ohnehin noch völlig unklar, wie die kommende Spielzeit überhaupt aussehen wird.

7 Responses

  1. 1 # Maurizio August 2 2020 @ 13:31

    100% Zustimmung, Timur!

    Die Skyliners brauchen echt mal ein paar innovative Ideen, eine Neuausrichtung Ihres Konzepts…dafür braucht man jedoch neue Köpfe, sprich ein neuen Geschäftsführer damit GW sich endlich im Hintergrund bewegen kann und das operative Geschäft einen Fachmann überlässt.

    Gestern gab es bei der EZB ein Basketball Event. Ausser Marco Völler und Richard Freudenberg (als spielende Teilnehmer) war sonst niemand von den Skyliners zu sehen, kein PR, kein Marketing, einfach niemand. Dann darf man sich nicht wundern wenn man in der Stadt und Region kaum wahrgenommen wird.

    Habt Mut für Veränderungen…schlechter als jetzt kann es nicht werden…17 Jahre war ich den Skyliners treu. Die letzten 3 Jahre habem es bewiesen warum ich es nicht mehr bin!

  2. 2 # Hansi August 2 2020 @ 15:21

    Super Beitrag von Timur, der vieles auf den Punkt bringt. Die Skyliners sind leider bei vielen Dingen überhaupt nicht mit der Zeit gegangen…täglich fällt das auf, wenn es um Social Media geht. Ich kann mich an verschiedene Formate und/ oder Sendungen erinnern, die es temporär mal gab und die manche 14 Jährige heute besser produzieren würden, wenn es um Ton, Bild, Schnitt, Idee, Moderation etc. geht. Ich verstehe nicht, wie man digitalen Medien heutzutage so stiefmütterlich angehen kann. Vielleicht würde es sich einmal lohnen in einen vernünftigen Social Media Manager zu kümmern…das Riesengeld verdienen die nicht.

  3. 3 # Horst August 2 2020 @ 17:34

    @Maurizio

    Ich würde als Club auch nur bei offiziellen Veranstaltungen vor Ort sein oder PR machen.
    Alles andere wäre grob fahrlässig.

  4. 4 # Tobias August 4 2020 @ 9:55

    Ui, also Hansi und Maurizio schreiben ja Dinge, für die ich die gelbe Karte bekommen habe. Ich hatte es mehrfach erwähnt, wer 20 Jahre nur auf dem Stuhl sitzt und sich nicht weiterentwickelt, der wird überholt. Ein gutes Marketing kann viel wett machen. Aber hier fehlt die Qualität und leider auch das Geld. Immerhin gibt es Titel wie „Kreativdirektorin“, da geht schon was.

    Es gab bis vor 6-8 Jahren durchaus gute Leute in der „Family“, aber die haben das halt alles als Sprungbrett genutzt wie die guten Spieler ;-)

    Es wird auf jeden Fall ne harte Nuss dieses Jahr, wenn ich lese was die anderen Teams schon jetzt verpflichten….

  5. 5 # anagahn August 6 2020 @ 11:57

    Laut Instagram Quiz kommt wohl Michael KESSENS als Center.

  6. 6 # Doppeldribbel August 6 2020 @ 15:13

    Eine recht ernüchternde Verpflichtung. Für mich war er der Schwachpunkt in einer starken Vechtaer Mannschaft. Bin gespannt, ob die Skyliners noch „Qualität“ verpflichten können. Bisher sieht es sehr nach Abstieg(skampf) aus…

  7. 7 # Maurizio August 6 2020 @ 18:17

    Die Frage ist ob er als Back up Center verpflichtet wurde (dann müsste theoretisch Völler gehen) oder als Starting Center (als 1-1 Ersatz für Kratzer)?!

    Könnte mir nur sehr schwer die Center Kessens/Völler vorstellen…

    Wir sind ja seit Jahren schon reboundschwach, aber so hätten wir noch weniger Größe als letzte Saison.
    Hines (2,03) vs. Moore (1.96)
    Kratzer (2,11) vs. Kessens (2.05)

    Nein, es werden bestimmt noch 2 Big men kommen müssen und Moore auf die SF Position gehen. Sonst sehe ich tief schwarz im Hinblick der Rebounds.

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